Die Auswanderung ist ein Thema, mit welchem sich auch schon unsere Vorväter befaßt haben. Vorliegendes Gedicht stammt aus der Feder von Michael Albert und ist um das Jahr 1900 entstanden. Daß es erschreckend wenig von seiner Aktualität eingebüßt hat, ist unschwer festzustellen...

 

Wandern lasst uns, lasst uns wandern,

Einen fröhlich nach dem Andern,

Sei´s nach Wien, nach Bukarest

Sei´s nach Linz, nach Budapest,

Sei´s nach New York, nach Berlin,

Oder sei´s nach Wisconsin; -

Lasst den Stecken mit dem Ranzen

Uns in fremden Boden planzen!

 

Sind wir nicht, wir edle Sachsen,

Bloß zur Herrlichkeit gewachsen?

In der Heimat Dürfigkeit

Ist denn das ein leben heut?

So ein Leben, das uns ziemt,

Seidenweich und goldgeblümt? -

Laufen lasst uns, lasst uns wandern,

Einen fröhlich nach dem anderen


Zwar, wenn wie zu Hause blieben

Unser tagwerk hier betrieben,

Standhaft trügen Not und Müh´n,

Würden Haus und Äcker blühn,

Wär´ des armen Volks Bestand

Kräftiger in Stadt und Land; -

Doch das lassen wir den anderen; -

Laufen lasst uns, lasst uns wandern!

 

Weiden gibt es, Wies´ und Wälder;

Meilenweite Ackerfelder

Schließen unsre Dörfer ein;

Nur der Menschen Zahl ist klein.

Hände braucht´s das Feld zu bau´n,

Mäuler den Ertrag zu kau´n; -

Doch das lassen wir den andern;

Wandern lasst uns, lasst uns wandern!


Eisen schleppen auf dem Rücken

In Amerikas Fabriken

Stund um Stund, Tag um Tag,

Sklaverei ist´s, Todesplag;

Doch wer wird daheim im Korn

Tilgen Weidenbusch und Dorn!

Pflug und Karst - wir lassen´s andern; -

Wandern lasst uns, lasst uns wandern!

 

Krumm an einem Schreibtisch sitzen,

Täglich dreizehn Stunden schwitzen,

Kaum zu Essen kurze Frist -

Wenn´s nur in der Großstadt ist!

Hol der Henker fern daheim Schurzfell,

Hobel, Säg´ und Leim!

Höher steh wir als die andern; -

Laufen lasst uns, lasst uns wandern!

 

Haben endlich unsre Haufen

Sich in alle Welt verlaufen,

Hunderttausend Joche dann

Warten auf den Ackersmann;

Offen stehn die Städte weit

Fleißiger Genügsamkeit; -

Aber dies ist für die anderen; -

Laufen lasst uns, lasst uns wandern

 


Michael Albert, siebenbürgisch-sächsischer Dichter, * 21. Oktober 1836 in Trappold bei Schäßburg in Siebenbürgen.

Quelle: Wikipedia